Forschungsbasierte Lehre mit Citizen Science: Chancen und Herausforderungen für Future Skills im Hochschulbereich
Partizipative und transdisziplinäre Forschungsansätze sind in den Lehrplänen von Hochschulen nach wie vor selten. Die Verknüpfung von forschungsbasierter Lehre mit Citizen Science auf Bachelor- und Masterebene eröffnet vielfältige Lernmöglichkeiten – sowohl für Studierende als auch für Lehrende. Diese bringen jedoch auch einige Herausforderungen mit sich. In diesem Blogbeitrag erläutert Melanie Brand Erkenntnisse aus dem 19-monatigen Lehrprojekt «Citizens Consider(ed). KI und Nachhaltigkeit in der Bodenseeregion». Das Projekt lief von Juni 2024 bis Dezember 2025 und wurde gefördert vom Wissenschaftsverbund W4 mit Mitteln des Programms Interreg VI Alpenrhein-Bodensee-Hochrhein.
Autorin: Melanie Brand
Fotos: Sophie Tichonenko (KARLA Magazin, Konstanz)
Dieser Beitrag ist Teil einer Blogreihe der LERU Public Engagement focus group, wo er auf Englisch erschien.
Ausgangspunkt
Das Ziel von «Citizens Consider(ed)» war es, ein Konzept für ein universitätsübergreifendes Lehrformat zu entwickeln und umzusetzen, das es Studierenden ermöglicht, eigene sozialwissenschaftliche Citizen Science-Projekte an der Schnittstelle von KI und Nachhaltigkeit zu entwickeln. Unser Lehrteam vereinte Fachkenntnisse aus den Bereichen Ethnologie, Soziologie, Wissenschafts- und Technikforschung, Citizen Science, partizipativer Journalismus und Fotojournalismus. Die Finanzierung durch den Wissenschaftsverbund ermöglichte es uns, interdisziplinäre Gastdozierende einzuladen und den Studierendengruppen ein Budget zur Deckung von Projektkosten zur Verfügung zu stellen.
Citizen Science und Future Skills
Die Einführung von Citizen Science als Forschungsansatz bietet Studierenden im Bachelorstudium nicht nur die Möglichkeit, Wissen über das jeweilige Seminarthema – in unserem Fall KI und Nachhaltigkeit – zu erwerben, sondern gibt ihnen darüber hinaus die Gelegenheit, sogenannte Future Skills zu erlernen und anzuwenden:
"Future Skills werden definiert als diejenigen Fähigkeiten, die es Hochschulabsolvierenden ermöglichen, die Herausforderungen der Zukunft bestmöglich zu meistern. In den Ergebnissen zeigt sich: Um mit den zukünftigen Herausforderungen umzugehen, müssen Studierende Neugier entwickeln, Vorstellungskraft, Visionsfähigkeit, Resilienz und Selbstbewusstsein sowie die Fähigkeit, selbstorganisiert zu handeln. Sie müssen in der Lage sein, die Ideen, die Perspektiven und die Werte anderer zu verstehen und zu respektieren und sie müssen mit Fehlern und Rückschritten umgehen können und gleichzeitig achtsam voranschreiten, auch gegen Schwierigkeiten." (Ehlers 2019: 3)
Das Seminar führte die Studierenden in die partizipative, sozialwissenschaftliche Projektarbeit ein und bot ihnen die Möglichkeit, folgende Future Skills einzuüben: (1) Prozess- und Selbstreflexionskompetenzen (z. B. Leitfragen für eine erfolgreiche Zusammenarbeit), (2) Kompetenzen in der Projektplanung und -organisation, (3) Gruppenarbeit und Zusammenarbeit mit anderen Akteur:innen. Diese Kompetenzen und Einstellungen bereiten die Studierenden darauf vor, in heterogenen Umgebungen mit vielen verschiedenen Akteuren zusammenzuarbeiten, die durch eine Vielzahl von Perspektiven, Anliegen, Ressourcen und Einschränkungen, Motivationen sowie Arbeits- und Kommunikationsweisen gekennzeichnet sind. Und dies sowohl innerhalb als auch ausserhalb der Wissenschaft. Um diese Kompetenzen zu fördern, haben wir die Studierenden Schritt für Schritt durch den Prozess begleitet, von der Ausformulierung persönlicher Interessen über die Bildung von Arbeitsgruppen, die Auswahl eines Forschungsthemas und Bestimmung möglicher Citizen Scientists, der Planung von Beteiligungsformen sowie der Möglichkeiten und Grenzen der gemeinsamen Forschung bis hin zur Entwicklung kreativer Rahmenkonzepte für die Wissenschaftskommunikation zur Darstellung ihrer Ergebnisse. Die übergeordnete Frage lautete: Wie können wir partizipative Projekte gestalten, von denen alle Beteiligten profitieren?
Darüber hinaus stellte der Citizen Science-Ansatz herkömmliche akademische Methoden der Wissensgenerierung in Frage. Als Bestandteil des Bachelor-Studienplans fördert er bereits in einer frühen Phase der Hochschulbildung kritisches Denken gegenüber weitgehend als selbstverständlich angesehenen institutionalisierten Prozessen der akademischen Wissensgenerierung.
Neue Wege gehen
Ursprünglich als interdisziplinäres und hochschulübergreifendes, zweisemestriges Seminar konzipiert, zwangen uns institutionelle Vorgaben dazu, unser Vorhaben in einen einsemestrigen Kurs zu überführen und diesen an den beteiligten Hochschulen separat anzubieten. Gelegenheit zum hochschulübergreifenden Austausch schufen wir stattdessen im Rahmen eines gemeinsamen Workshops, an dem Studierende aus Konstanz und Zürich teilnahmen. Das Seminar brach zudem mit Konventionen hinsichtlich seiner Gestaltung, der Erwartungen der Studierenden und der Rolle der Dozierenden. Daher mussten wir gemeinsam mit den Studierenden neu definieren, was Erfolg in diesem Rahmen bedeutete und wie die Beziehung zwischen Studierenden und Dozierenden aussah.
Aufgrund der Gruppenarbeit und der Zusammenarbeit mit Citizen Scientists und anderen Beteiligten hing der Projekterfolg im herkömmlichen Sinne stark von anderen ab und lag ausserhalb der Kontrolle der einzelnen Studierenden. Um den Druck zu verringern, setzte sich die Abschlussnote zu gleichen Teilen aus der Dokumentation des Citizen Science-Projekts (Gruppenarbeit) und einem (Selbst-)Reflexionsbericht (individuelle Bewertung) zusammen. Dadurch konnte der Fokus vom Projektergebnis auf die Prozessdokumentation verlagert werden, und die Studierenden erhielten Raum, den Prozess der Gruppenarbeit individuell zu reflektieren.
Die Spannung zwischen Struktur und Offenheit, Raum für Kreativität und einem Gefühl der Überforderung war von Anfang an spürbar. Die Bedürfnisse und Präferenzen der Studierenden gingen weit auseinander: Während einige Gruppen sich in diesem kreativen Raum wohlfühlten und ihn aktiv nutzten, benötigten andere mehr Anleitung, die wir in regelmässigen Beratungsgesprächen anboten. Mit der Zeit gewannen die Studierenden mehr Selbstvertrauen, eigene Entscheidungen zu treffen und Vor- und Nachteile abzuwägen.
Zudem fiel der Wechsel von «Forschung über» zu «Forschung mit» Menschen nicht leicht und spiegelt eine frühe akademische Sozialisation wider, die klar zwischen denen unterscheidet, die forschen, und denen, die Gegenstand der Forschung sind. In sozialwissenschaftlichen Citizen Science-Projekten verschwimmen diese Grenzen, während gleichzeitig eine klare Definition von Rollen, Verantwortlichkeiten und Erwartungen gefordert ist, da die Projekte andernfalls im Chaos versinken würden. Daher spiegelte sich die Spannung zwischen vordefinierten Strukturen und Offenheit auch auf der Ebene der individuellen Studierendenprojekte wider, was eine ständige Reflexion der laufenden Prozesse und entsprechende Anpassungen zu einem notwendigen Bestandteil der Projektentwicklung machte.
Die Projekte
Insgesamt entwickelten die Studierenden der beiden Hochschulen sieben Citizen Science-Projekte, die eine breite Palette von Themen an der Schnittstelle zwischen KI und Nachhaltigkeit abdeckten und Citizen Scientists auf unterschiedliche Weise einbezogen. Hier ein kurzer Überblick, um die Bandbreite der Themen und Ansätze zu veranschaulichen:
- Einführung von Tree KI an Schulen. Die Studierenden organisierte einen Workshop im Botanischen Garten, bei dem Schüler*innen die Biodiversitäts-App «Tree KI» kennenlernten und auf der Grundlage ihrer Erfahrungen und Beobachtungen einen Flyer mit Empfehlungen für Lehrpersonen entwarfen.
- Kann ein Roboter der bessere Gesprächspartner sein? Gemeinsam mit zwei Mitarbeitenden von F&P Robotics und zwei älteren Citizen Scientists organisierte diese Gruppe einen Workshop, in dessen Rahmen die Citizen Scientists Gelegenheit hatten, den Pflegeassistenzroboter «Lio» kennenzulernen und mit ihm zu sprechen, um anschliessend ihre Erfahrungen gemeinsam zu reflektieren und auszuwerten.
- Konstanz zu KI. Diese Gruppe entwickelte ein Konzept für ein interaktives Format in der Innenstadt von Konstanz, bei dem sich Passanten über KI und Nachhaltigkeit informieren und ihre Meinungen auf Plakaten und in Interviews äussern konnten. Anschliessend wurden die Daten in einem Workshop mit einer kleineren Teilnehmergruppe ausgewertet.
- Auf Brusthöhe. Der Dialog über KI in der Frauengesundheit. Gemeinsam mit Citizen Scientists erarbeitete die Gruppe Fragen, die mit Fachkräften im Gesundheitswesen erörtert werden sollten, um die Rolle der KI im Bereich der Frauengesundheit zu diskutieren. Ausgehend von einem Schwerpunkt auf der Früherkennung von Brustkrebs ermittelten sie gemeinsam Hoffnungen, Sorgen und Wünsche hinsichtlich des Einsatzes von KI in der medizinischen Versorgung von Frauen.
- How eco Am I? Diese Gruppe entschied sich für einen ähnlichen Ansatz wie die Gruppe «Konstanz zu KI» und lud Passant:innen in der Innenstadt dazu ein, ihre Nutzung von KI in einem breiteren ethischen Kontext zu reflektieren. Die gesammelten Erkenntnisse wurden später gemeinsam mit den Mitforschenden in einem Workshop analysiert.
- (Kein) Bock auf KI? Diese Gruppe beschloss, den Citizen Science-Ansatz im schulischen Umfeld anzuwenden, wo sie gemeinsam mit den Schüler:innen deren KI-Nutzung reflektierte und mithilfe von Fragebögen verschiedene Anwendungsfälle für KI ermittelte.
- Konstanz Capture & Connect. Diese Gruppe nutzte generative KI, um Bilder von alternativen Stadtlandschaften und third places zu erstellen, die ökologische und/oder soziale Nachhaltigkeit fördern sollen. Citizen Scientists gaben über eine Website Prompts ein, und die Bilder wurden anschliessend mit einer kleineren Gruppe von Teilnehmenden in einem Jugendzentrum besprochen.
Erkenntnisse und Ergebnisse: Kreativität ist schwer
Zwar geht aus dem Feedback hervor, dass die Studierenden durch den Zeitdruck gestresst waren und einen zweisemestrigen Kurs bevorzugt hätten, doch wurden auch viele positive Aspekte hervorgehoben: Durch die Zusammenarbeit mit Citizen Scientists fühlten sich die Studierenden stärker mit der Stadt verbunden und konnten theoretische Aspekte ihres Fachgebiets in der Praxis zum Einsatz bringen. Die Zusammenarbeit mit Citizen Scientists machte ihnen bewusst, dass die Menschen – wenn ihnen der entsprechende Raum geboten wird – sehr daran interessiert sind, aktuelle Ereignisse zu diskutieren und sich an Forschungsprojekten zu beteiligen. Ausserdem fühlten sie sich in ihrer Rolle als Forschende ernst genommen, was für viele zuvor eine Sorge gewesen war. Im Allgemeinen entwickelten die Studierenden Wertschätzung und Respekt für gut durchgeführte kooperative Forschung und gewannen durch die Praxis ein Bewusstsein dafür, wie viel Zeit, Mühe, Flexibilität und Bereitschaft zum Diskutieren, Anpassen, (Mit-)Gestalten und Neuerschaffen, offene Kommunikation, klare Grenzen und Engagement erforderlich sind, um ko-kreative Projekte zu planen und gemeinsam zu entwickeln.
Was das Seminar-Konzept angeht, wäre es zukünftig spannend, weitere Wege zu erkunden, um das Spannungsfeld zwischen Struktur und Offenheit auszugleichen und flexible Methoden zu finden, die Kreativität fördern und Wachstum ermöglichen, ohne dabei Lähmung und Überforderung zu riskieren. Eine allgemeine Frage ist, wie man Future Skills aufzeigen und bewerten kann, da diese – wie im Fall von Citizen Science – stets sowohl eine individuelle als auch eine kollaborative Komponente beinhalten.
Wenn Ihr Fragen habt oder Kontakt aufnehmen wollt, wendet Euch bitte an melanie.brand@uzh.ch.
Das 19-monatige Lehrprojekt «Citizens Consider(ed). KI und Nachhaltigkeit in der Bodenseeregion» wurde von Melanie Brand (Citizen Science Zürich, UZH) und Dr. Eva Riedke (Universität Konstanz) entwickelt und gemeinsam mit Sophie Tichonenko (KARLA Magazin, Konstanz) angeboten.